Ein Brief an den Sohn des Zeichners

Dies folgende, besonders hübsche Gustavbesprechung erschien am 18.April auf satt.org.

( Was Felix Giesa, der Autor, nicht wusste: Zeichnersohn Hektor feierte just an diesem Tag seinen fünften Geburtstag.
Das nennen wir Timing!)

Lieber Hektor,

Du wirst mich nicht kennen. Ich bin Felix, lese gerne und viele Bilderbücher und Comics, und erzähle dann anderen Leuten davon, wie sie mir gefallen haben. Ich schreibe Dir heute, weil ich Dich um etwas beneide. Durch Dich sind Deine Eltern gezwungen gewesen, gleich zwei gemachte Versprechen über Bord zu werfen. Eigentlich hatten sie das mit dem Kinderkriegen nämlich ganz anders geplant. Der erste dieser Vorsätze war, möglichst keine Comics von süßen oder sabbernden Babys zu machen. Tja, da wurde leider nichts draus und jetzt wissen wir alle, dass es mit Dir ein „Raues Sitten“ war. Meinem Kollegen Stefan haben die Geschichtchen zwar nicht ganz so gut gefallen, aber er sagt ja selber, dass er kein „Elter“ ist. Ich hingegen kann auch ein Liedchen vom rauen Sitten singen. Natürlich ein ganz liebevolles …

Aber der Grund, warum Du zu beneiden bist, ist ein anderes Versprechenbrechen Deiner Eltern: Niemals würden sie Kinderbücher zeichnen! Tja, aber wenn das Kind dann erst einmal da ist, dann war es das schnell, mit all den Vorsätzen. Und was sollte Dein Vater auch schließlich anderes machen? Als Zeichner liegt es nunmal auf der Hand, das man seinen Kindern Geschichten nicht nur erzählt, sondern sie ihnen auch zeichnet. Erzählend oder zeichnend sind schon viele Klassiker für Kinder entstanden, Pu, der Bär etwa oder auch der Struwwelpeter. Es ist sicherlich das bekannteste Bilderbuch hierzulande – und das vor allem, weil es so schön widersprüchlich ist. Nicht einmal Forscher wissen, was genau sie davon halten sollen. Aber es ist ein großer Spaß, es zu lesen und zu betrachten, man kann sich nämlich dabei so schön gruseln und darüber freuen, dass es gruselt. Und darum schreibe ich Dir hier auch davon. Dein Vater und sein Freund Haimo Kinzler haben nämlich bereits zwei Bilderbücher gemacht und das zweite, es ist ja gerade erschienen, ist auch so eins, bei dem es einem so richtig schön schauern kann. Ob Du es schon gelesen hast, weiß ich nicht, Du bist ja erst vier, schon vier, entschuldige. Viereinhalb, nochmals entschuldige. Es steht neben den vielen Bilder ja sehr viel Text darin, vielleicht kannst Du es ja zu Deiner Einschulung bekommen?

Aber so lange möchte ich nicht warten, um Dir zu berichten, warum mir „Gustav und der Professor“, so heißt das neue Buch, gut gefällt. Da ist zum einen Gustav, von dem handelt die Geschichte. Der ist ein netter kleiner Kerl, und dauernd passiert ihm irgendwas, weil er mit seinen Gedanken immer woanders ist. So ist das halt, geht uns allen so. Aber was Gustav so passiert, das ist schon immer sehr verrückt. In seinem neuen Abenteuer etwa, da wird er gefangen genommen und gerät an einen verrückten Professor, der wohl zu viel Frankenstein gelesen hat. Ach ja, Frankenstein kennst Du noch nicht, das wird Dir später auch gut gefallen. Nun ja, auf jeden Fall ist es um Gustav nach dieser Begegnung nicht so gut bestellt. Zum Glück hat er eine tolle Lehrerin, die ist immer für ihn da. Muss sie ja auch, was Gustav immer passiert. Alle behaupten ja heute immer, dass Lehrer doof seien. Dein Vater und Haimo wussten es besser. Und wie man tolle Bilder zu so einer Geschichte zeichnet, dass wusste Dein Vater eh. Auch wenn es Verlage gab, die meinten, dass die Bilder viel zu sehr wie Comics aussähen. Aber was soll das denn bitte heißen? Und selbst wenn, was soll daran denn bitte schlecht sein? Außerdem haben sie jedes Buch bisher in einer anderen Farbe gehalten, das neue ist grün. Das passt wunderbar zu dem Monster. Oh je, jetzt habe ich das verraten. Am besten, Du vergisst das bis zur Einschulung wieder. Wahrscheinlich sind dann auch schon viel mehr Bändchen von Gustav erschienen. Das wäre gar nicht mal verkehrt.

So, lieber Hektor, für heute soll es das gewesen sein. Ich wünsche Dir noch einen schönen Tag, grüß Deine Eltern lieb von mir

Dein
Felix

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